In einem Artikel im Januar schrieb ich, dass ich Windows in Zukunft nicht mehr nutzen möchte. Im März habe ich meinen neuen Computer zusammengebaut und nach einem knappen halben Jahr möchte ich meinen Einstieg in Linux Revue passieren lassen und ein Zwischenfazit ziehen.

Auswahl der Distribution

Vorab habe ich mich mit verschiedenen Linux-Distributionen beschäft und diese mit Hilfe eines Livesystems für mehrere Tage verwendet. Aufgrund der Empfehlung eines Bekannten und guter Erfahrung mit den Serverversionen hatte ich vor Debian zu nutzen.

Bei der Installation bzw. generell dem Zusammenbau und Einrichten vom Computer kam es immer wieder zu Problemen. Vielleicht schreibe ich darüber einen separaten Artikel. Ansonsten wird dieser Artikel hier zu lang 🙂
Die Kurzform ist die, dass ich unter Debian leider keine Netzwerkverbindung aufbauen konnte. Bei Ubuntu mag ich die Benutzeroberfläche nicht. Daher habe ich am Ende Linux Mint mit Cinnamon ausgewählt.

Installation und Einstieg

Die Installation ist vergleichbar mit der Installation von Windows. Nachdem der bootbare USB-Stick erstellt wurde (ich empfehle Etcher oder Rufus) musste ich ihn nur einstecken und das grafische Installationsprogramm ausführen.

Wie bei Windows leitete das Installationsprogramm den Benutzer durch den Prozess. Hier können Einstellungen wie die Zeitzone oder das Ziellaufwerk (Festplatte) ausgewählt werden.
Mich hat es positiv überrascht, dass auch eine Festplattenverschlüsselung angeboten wird. Unter Windows gibt es diese so weit ich weiß nur in der Enterprise-Version durch Bitlocker.

Der Desktop sieht ähnlich aus wie bei Windows.

Desktop von Cinnamon (Quelle: Linux Mint Blog)

Der Willkommensbildschirm

Was ich bei Linux Mint sehr angenehm empfinde ist der Willkommensbildschirm. Auf diesem Bildschirm werden die wichtigsten Informationen und Programme angezeigt.

Der Willkommensbildschirm von Linux Mint

Unter Erste Schritte erhält man eine Auflistung wichtiger Programme für den Einstieg. Darunter fallen beispielsweise Timeshift, die Treiberkonfiguration oder eine Auswahlmöglichkeit für das Layout des Desktop. Es kann, wie bei der Windows Taskleiste, zwischen Beschriftung anzeigen und Gruppierung der Elemente gewählt werden.

Grafiktreiber

Insbesondere die Treiberkonfiguration war sehr hilfreich, um die Grafikkartentreiber zu installieren. Diese erkannte meine Grafikkarte und den Prozessor unverzüglich und bot mir verfügbare Pakete an.

Trotz diverser Anleitungen hatte ich bei den anderen Linux-Distributionen das Problem, dass die Grafik- bzw. Anzeigetreiber nicht korrekt installiert wurden. Das hatte leider zu verschiedenen Problemen wie Freezes, Abstürzen (kernel panic) oder Bildschirmflackern geführt. Mit Mint hatte ich diese Probleme nicht. Hier werden die Versionen in einem einfachen Dialog aufgelistet. Die gewünschte Version kann einfach ausgewählt und anschließend installiert werden.

Das Fenster der Treiberverwaltung

Backups mit Timeshift

Gleich beim Start wird Timeshift als Sicherungsprogramm vorgeschlagen. Das Programm eignet sich dazu, die Systemdaten zu sichern bzw. Schnappschüsse zu erstellen.
Die Einstellungen erlauben eine automatische Sicherung in verschiedenen Intervallen. Über stündlich, täglich, monatlich können auch „spezielle Ereignisse“ wie ein erfolgreicher Systemstart eine Sicherung auslösen.

Auflistung der Sicherungen in Timeshift

Persönlich habe ich die Funktion zum Wiederherstellen schon 4-5 Mal verwendet. Das Zurückspielen in einen vorherigen Stand hat problemlos funktioniert, sodass ich bei Systemänderungen schnell und einfach den alten Stand wiederherstellen konnte.
Gebraucht habe ich die Funktion aus dem Grund, dass manche Software von Drittherstellern nicht sauber deinstalliert werden konnte. Ein anderes Mal habe ich etwas zu stark an Konfigurationsdateien herumgeschraubt, sodass ich „seltsame Fehler“ hatte.

Aus Meiner Sicht sind die Software und die Zeiten zur Wiederherstellung und Sicherung sehr gut. Das Sichern ist meist unter einer Minute vollzogen. Das Zurückspielen dauerte bei mir (je nach Umfang der Änderungen) im längsten Fall ca. 10 Minuten. Die Dauer kann je nach Hardware und Menge der Daten unterschiedlich ausfallen.

Einrichtung der Oberfläche

Die Einstellungen für den Desktop bzw. Dateimanager sind grundlegend vergleichbar mit den Einstellungen von Windows.

Desktop und Startmenü

Das Startmenü funktioniert ähnlich wie bei Windows. Die Anwendungen werden jedoch gruppiert. Diese Gruppen können beispielsweise Büro, Grafik oder Zubehör sein. Es gibt eine Textbox, in welcher schnell die Programme gesucht und ausgeführt werden können.
Die Systemsteuerung bietet zudem sehr viele Themes an. Es gibt helle sowie dunkle Designs und diverse Farbvariationen.

Persönlich gefällt mir die Konfiguration der Taskleiste sehr gut. Es können die Größe und der Abstand der Icons aber auch die jeweiligen Bereiche definiert werden. Zudem gibt es Widgets, welche abhängig von der Implementierung, auf den Desktop oder die Taskleiste gezogen werden können. Diese wurden mit Windows Vista bzw. 7 eingeführt, verschwanden in Windows 8 allerdings sofort wieder.

Es gibt viele Erweiterungen. Mir wird die aktuelle CPU- und RAM-Auslastung in der Taskleiste angezeigt und ich kann den derzeitigen Netzwerkverkehr einsehen. Es sind die kleinen Dinge, die mir an der Oberfläche sehr gut gefallen. Und diese kleinen Dinge fehlen mir zum großen Teil in anderen Betriebssystemen oder kosten viel Geld, da diese durch Zusatzprogramme bereitgestellt werden.

Dateiexplorer

Cinnamon verwendet Nemo als Dateiexplorer. Er bietet einen Schnellzugriff und eine einfache Bedienung. Die Aktionsleisten oben rechts sind frei konfigurierbar. Zudem kann der Pfad umgeschaltet werden: Entweder werden die Ordner als „Buttons“ angezeigt, sodass man mit Hilfe der Maus schnell umschalten kann. Sie funktionieren ähnlich wie Breadcrumbs auf einer Webseite. Im anderen Modus wird der gesamte Pfad angezeigt, welcher mit kopiert oder geändert werden kann.

Der Dateimanager Nemo

Alternative Anwendungen

Wie immer, wenn man das Betriebssystem wechselt, merkt man, dass manche Anwendungen Cross-Plattform-Fähig sind und andere nicht.
Auf der anderen Seite liefert Linux eine große Menge an Programmen und Funktionen mit, welche mir (leider immernoch) in Windows fehlen.

Die größte Umstellung für mich war der Wechsel vom Visual Studio zu Rider und die Suche nach einem einfachen Programm für Screenshots und Bildbearbeitung. Unter Windows habe ich gerne die Kombination aus Greenshot und Paint.NET verwendet. Beide sind sehr einfach zu bedienen und bieten die mir wichtigen Funktionen.

Unter Linux habe ich auf Flameshot und Pinta umgestellt. Ich bin mit den beiden Anwendungen nicht 100% zufrieden, da die Varianten für Windows komfortabler zu bedienen sind. Auf der anderen Seite sind Funktionen wie SSH, grep, wget und curl ohne zusätzliche Installationen verfügbar und der Dateiexplorer beinhaltet Tabs 🙂

Von meinem Eindruck her, kommt es individuell darauf an, welche Software verwendet wird. Manche Programme gibt es übergreifend für mehrere Betriebssysteme, andere gibt es wiederum nur für eine Platform (oder die nicht verwendete).
Hier empfehle ich eine vorherige Recherche, ob die gewünschten Programme auch für Linux angeboten werden oder es eine gleichwertige Ersatzsoftware gibt.

Updates

Es gibt eine Aktualsierungsverwaltung. Diese sucht (je nach Einstellung) automatisch im Hintergrund nach Updates und installiert diese. Das Update von Linux-Mint funktionierte ohne Probleme und auch den Kernel konnte ich ohne weiteres aktualisieren.

Vor allem Meldungen wie Windows Update löscht Dateien oder Probleme mit VPNs bei deaktivierter Telemetrie, tragen nicht zum Abbau meiner Skepsis bei. Und bei jedem Update frage ich mich, wann mal wichtige Funktionen hinzukommen. Ich gebe allerdings zu, dass wichtig für jeden Endanwender unterschiedlich definiert ist. In meinem Falle sind es stabile Updates ohne 2-3 Stunden Zwangspause machen zu müssen und Komfortfunktionen wie SSH, grep, curl oder aktive Ecken.

Fazit

Insgesamt bin ich sehr zufrieden mit Linux. Der Einstieg war schwieriger als erwartet, aufgrund problematischer oder fehlenden Treiber. Allerdings liefert das System sehr viele Funktionen mit und ist genauso einfach zu bedienen wie Windows.

Man muss sich zwar etwas an die neue Umgebung gewöhnen, aus meiner Sicht hat man dies recht schnell innerhalb weniger Tage. Nutzt ihr aktiv Linux oder plant ihr von Windows auf Linux zu wechseln?


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